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Die zauberhafte Erscheinung der Stéphanie

Sonntag, 10. Januar 2016

Ihr Lieben,

wie sich vielleicht einige von euch noch erinnern können, habe ich mich am Anfang des Jahres 2014 an der AMD (Akademie für Mode und Design) in Hamburg beworben. Obwohl ich nach der Versendung meiner Bewerbungsmappe und dem Auswahltag direkt eine Zusage bekam, habe ich diese abgelehnt. Diese Entscheidung habe ich keine Sekunde lang bereut, auch wenn mir der Bewerbungstag an sich viel Spaß gemacht hat ! Auch bei der Bearbeitung der Bewerbungsaufgaben konnte ich meiner Liebe zum Schreiben Ausdruck verleihen. Heute möchte ich euch gerne einen kleinen Einblick in meine Bewerbung gewähren, indem ich euch die von mir verfasste Reportage vorstelle. Ich hoffe, ihr findet Gefallen an meiner Ausarbeitung und taucht für einige Minuten in eine andere, zauberhafte Welt ein  … 

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Die Silhouette einer zarten Frau bildet sich im Schein des warmen Lichtes an alten Holzdielen ab. Im Ohr liegt das gleichmäßige Klicken einer Nähmaschine. Ja, dieses Geräusch ist typisch für Stéphanie. Es lässt sich eine kleine Frau mit schulterlangen, dunkelbraunen Haaren erkennen. Wie es oft der Fall ist, trägt Stéphanie ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Dieser fällt locker auf die hellblaue Seidenbluse. Würde man lediglich den Oberkörper der kleinen Frau betrachten, könnte man meinen, der elegante Stil der Bluse würde sich in der Beinbekleidung fortsetzen. Dem ist nicht so. Der Blick wandert unter die Nähmaschine und fällt auf eine lässige Jeans im Boyfriend – Stil. Darunter abgewetzte, weiße Converse Chucks. Stéphanie streicht behutsam über ein burgunderfarbenes Stück Stoff. Ihre schmalen Lippen wirken wie aus dem Gewebe des Stoffes entsprungen – sie tragen exakt die gleiche tiefrote Farbe. Die zarte Frau wirkt abwesend und gleichzeitig verträumt. Ihr dunkler Pferdeschwanz wippt langsam mit den Bewegungen der Nähmaschine – in dem kleinen Atelier herrscht absolute Ruhe. Der Raum ist erfüllt von einem holzigen Duft. Glatter, einfarbiger Seidenstoff ist in einer antiken Kommode gleich neben groben Baumwollstoffen mit verschiedensten Mustern platziert. Neben zahlreiche Scheren reiht sich feines Garn. Auf einem großen mit anthrazitfarbenem Stoff bezogenen Ohrensessel finden sich einige Schnittmuster. Das Atelier Stéphanies wirkt ein wenig unordentlich, aber das stört niemanden. Sowohl ihre Kunden als auch die verträumte Schneiderin selbst wissen die kleine Oase der Ruhe mit knartschenden Dielen so zu schätzen, wie sie ist. 

Stéphanie streicht erneut über den von ihr vernähten, seidigen Stoff. Ihre weichen, hellhäutigen Hände scheinen eins mit dem fließend leichten Stoff zu werden. Die Nähmaschine klickt weiter vor sich hin, Naht für Naht wird gesetzt. Bei genauerem Hinsehen lässt sich das Gewebe des tiefroten Stoffes ganz leicht erkennen. Es scheint aus unzähligen Fasern zusammengesetzt worden zu sein. Auch das bisherige Leben der freundlich wirkenden Näherin ist gekennzeichnet durch reichliche Ereignisse. Aber wer ist eigentlich die fleißige Dame an der Nähmaschine ? Ein altes Foto in gold gebeiztem Bilderrahmen zeigt die hübsche Französin in ihren Kindestagen. Ebenfalls auf dem Foto zu sehen sind ihre Eltern. Sie haben ihre Hände stolz auf die Schultern der kleinen Stéphanie gelegt. Schon damals zeichnete sich die elfengleiche Frau durch ihre zarte, positive Erscheinung aus. Wie auch in ihrem Atelier herrscht innerhalb der kleinen Familie auf dem Foto absolute Ausgeglichenheit. Der friedliche Blick der an der Nähmaschine sitzenden Stéphanie wandert durch den wohlig warmen Raum. An einem kleinen Geländer, welches zu einer winzigen Empore mit drei anmutig wirkenden Schneiderpuppen führt, hängt ein Paar roséfarbener Ballettschuhe. Die Schuhe sind viel mehr als nur ein Dekorationsobjekt – sie erzählen die Ballettkarriere der damals jungen Mademoiselle. Während Stéphanies Füße heute in weißen Leinenschuhen entspannt auf dem alten Dielenboden unter der Nähmaschine verweilen, erfüllte noch vor einigen Jahren eine faszinierende Spannung das gesamte Bein der eleganten Französin. Die Chucks der kleinen Dame sind das komplette Gegenteil zu den schimmernden Ballettschuhen. Dennoch scheint es so, als hätte die ehemalige Balletttänzerin Stéphanie ein wenig der magischen Atmosphäre der Pariser Staatsoper mit in ihr winziges Atelier gebracht. Die Begeisterung, die Madame M. einst ihrem Balletttanz widmete, gilt heute dem Nähen. 

Draußen tobt ein starker Sturm. Blätter wehen durch die Straße und Regen prasst gegen die alten Fensterrahmen des Ateliers. Aufgrund der unzureichenden Isolierung des Hauses dringt ein wenig des kalten Windes in das Atelier hinein. Stéphanie lässt sich davon nicht beirren. Sorgfältig bewegt sie das Material durch die Nähmaschine. Diese Arbeit geht Madame M. sehr leicht von der Hand. Sie kennt all ihre Stoffe in und auswendig. Das Stéphanie schon lange vertraut mit den unterschiedlichsten Textilien ist, lässt sich nicht übersehen. Auf den breiten Fensterbänken am Ende des Ateliers stapeln sich unterschiedlich dicke Bücher. Diese erzählen einen weiteren ganz besonderen Teil des Lebens der Näherin. Obwohl die Literatur auf der hölzernen Fensterbank antik erscheint, ist sie erfüllt von Leben. Man merkt ganz genau das jedes Buch regelmäßig, ja vielleicht sogar täglich, sorgfältig durchblättert wird. Die leicht abgenutzten, glatten Seiten der Bücher zeigen Kollektionen der Designer Chanel und Louis Vuitton. Große Frauen präsentieren zarte Seidentücher und leicht fallende Hosen. Die weichen Materialien und sorgfältig gesetzten Nähte lassen sich beinahe durch die Seiten des Buches erfühlen. Der gerade von Stéphanie angefertigte Pullover erscheint in der selben Eleganz, wie die Kleidungsstücke in den Büchern der Designer. Das ist kein Zufall. Madame M. lernte vor einigen Jahren in Paris von den ganz Großen. Ja, das lässt sich bereits bei einem flüchtigen Blick auf den tiefroten Pullover zwischen Stéphanies flinken Händen erkennen. Das Stoppen des regelmäßigen Geräusches der Nähmaschine bringt eine Lautlosigkeit in den Raum. Stéphanie greift den von ihr erstellten Pullover behutsam an den Schultern. Sie hält ihn zufrieden in die Höhe. Die unverwechselbare Liebe zum Nähen lässt sich auch in diesem Werk leicht erkennen. Obwohl das kleine Atelier der lieblichen Französin sich in einem urigen Dorf fernab der glitzernden Modewelt befindet, ist es erfüllt von Magie. Die Anwesenheit Stéphanies ist inspirierend und das Betreten ihrer bescheidenen Werkstatt bietet einen kleinen Ausflug in die funkelnde Modemetropole Paris. Die Silhouette Madame M. verblasst bei Verlassen des Ateliers. Die ausgeschaltete, stillgelegte Nähmaschine wirkt wie der Abspann eines Filmes. Die kleine Reise ist hier vorerst beendet. 

5 Comments

Anonym
10. Januar 2016 um 17:47

Toller Text =)

Kati Ha
10. Januar 2016 um 19:23

Der Text ist wirklich schön geschrieben, ausführliche Details aber trotzdem nicht unnötig in die Länge gezogen. Ich konnte mir die ganze Situation sehr gut vorstellen aufgrund deiner Beschreibung!
Liebe Grüße, Kati :)
http://lakately.blogspot.de/

Anonym
10. Januar 2016 um 20:11

Wofür hast du dich damit beworben?

Katja
10. Januar 2016 um 20:23

Wunderschön geschrieben. Man kann es sich direkt bildlich vordtellen und kurz mal in das ruhige Attelier abtauchen ;)

Toll!
Liebe Grüße
Katja von http://www.kreavida.de

Kim
12. Januar 2016 um 11:50

Der Text ist wunderschön, die Stimmung kommt so gut rüber! <3

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